NATURHEILKUNDE aktuell

(2 Bewertungen, durchschnittlich 4.50 von 5)

Gemeine Rosskastanie

Aesculus castanea, Castanea equina, Hippocastanum vulgare, Gewöhnliche Rosskastanie, Weiße Rosskastanie, Pferdekastanie, Rosskastanie, Wilde Kastanie, Drusenkesten, Gichtbaum, Kestenbaum, Saukesten, Zierkestenbaum

Es handelt sich um eine Pflanze der Gattung Rosskastanien (Aesculus) aus der Familie der Seifenbaumgewächse. Vor Zehntausenden von Jahren gab es die Rosskastanie in ganz Europa. Während der letzten Eiszeit zog sie sich in die Mittelgebirge Griechenlands, Albaniens und Nordmazedoniens zurück.
Von dort kam Sie im 16. Jahrhundert durch die Türken nach Mitteleuropa zurück. Diese hatten Kastanien als Pferdefutter und Arzneimittel dabei. Daher kommt offensichtlich auch der Name in Abgrenzung zu der bereits bekannten (Ess-)Kastanie (Marone). Verwildert tritt die Rosskastanie bis zu den Britischen Inseln, Dänemark, Skandinavien und Russland auf. Sie hat ähnliche Standortansprüche wie die Hainbuche.

Die Rosskastanie war Baum des Jahres 2005 und wurde im Jahr 2008 vom Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres gekürt.

Woran erkennt man die Gemeine Rosskastanie?

Die Gemeine Rosskastanie ist ein sommergrüner Baum mit Wuchshöhen von bis zu 30 m. Sie kann bis zu 300 Jahre alt werden. Junge Bäume wachsen recht schnell und bilden einen kurzen, vollholzigen Stamm mit runder und breiter Krone aus. Bei alten Bäumen reichen die Stammdicken bis zu einem Meter.  Der Stamm ist immer nach rechts drehwüchsig und hat ein gelblichweißes, kernloses Holz. Die Pflanze ist ein Flachwurzler mit weitreichendem, starkem Wurzelwerk. Die Triebe sind dick und bräunlichgrau mit auffallender, fünf- bis neunspuriger Blattnarbe. Junge Bäume haben eine hellbraune bis braune und glatte Borke, die später manchmal etwas rötlich wird. Bei älteren Bäumen ist sie graubraun und gefeldert mit grobrissigen Platten, die sich aufbiegen und in Schuppen abblättern. Die 9 bis 18 cm langen und etwa 10 cm breiten Laubblätter sind fingerförmig zusammengesetzt, sehr groß, auf der Oberseite sattgrün, kahl, schwach glänzend und auf der Unterseite hellgrün mit filzigen Adern. Sie besitzen einen 10–18 cm langen, rinnigen Blattstiel. Die 5-7 Fiederblätter sind schmal, verkehrt eilanzettlich, fein gezähnt und am Ende kurz zugespitzt. Die Knospen sind gegenständig mit einer auffallend großen und dicken Endknospe (eikegelig-spitz, mehrschuppig, glänzend, klebrig). Die Knospen erscheinen im Herbst und blühen je nach Witterung von April/Mai bis in den Juni in großen, aufrechten Trauben. Die Frucht ist kugelig, grün, stachelig und hat einen Durchmesser von bis zu 6 cm. Die darin enthaltenen Samen sind glänzend braun und haben einen hellen, matten Nabelfleck. Sie können einen Durchmesser von bis zu 4 cm besitzen.

Wie wirkt die Gemeine Rosskastanie?
Der Einsatz erfolgt vorwiegend als Extrakt oder Dekokt der Samen äußerlich zur Behandlung von Venenbeschwerden, also bei Krampfadern, Schmerzen, Juckreiz, Schwellungen und müden Beinen. Weitere Anwendungsgebiete sind Wadenkrämpfe, Blutergüsse, Sportverletzungen, Hämorrhoiden und Hauterkrankungen. Eine Einsatzmöglichkeit besteht bei den schwer zu behandelnden "offenen Beinen" (Ulcus cruris), zumindest neben anderen Verfahren.Die Rinde der Rosskastanie wird als Tonikum, schmerzbetäubendes Mittel und Mittel gegen Fieber verwendet, auch ist ein Tee aus der Rinde gebräuchlich (Rezept s. u.). Ein Tee aus den Blüten kann als Schleimlöser bei festsitzendem Husten helfen. In der Homöopathie werden die frischen geschälten Samen der Rosskastanie bei venösen Stauungsbeschwerden mit Folgeerkrankungen (unter anderem Hämorrhoiden, Lenden- und Kreuzbeinschmerz) eingesetzt. Gemäß homöopathischem Arzneimittelbild erfolgt der Einsatz als Tropfen, oft kombiniert z. B. mit Seidelbast, Tollkirsche, Zaubernuss oder Mariendistel, bei Krampfadern.

  • Zusammengefasst die Anwendungsgebiete für die Gemeine Rosskastanie
  • adstringierend
  • antibakteriell
  • antiexsudativ
  • antikoagulierend
  • antioxidativ
  • blutreinigend, blutstillend
  • entzündungshemmend
  • gefäßabdichtend
  • harntreibend
  • krampflösend
  • schleimlösend
  • schmerzstillend
  • (venen)tonisierend
  • Fieberhafte Erkältungen, Keuchhusten,
  • Kreislaufstärkung,
  • Arteriosklerose,
  • Diabetes (unterstützend),
  • Magen-Darm-Bereich (Krämpfe, Durchfall)
  • Leberschwäche,
  • Rheuma, Gicht, Ischiasbeschwerden,
  • Hautprobleme,
  • Ekzeme, Geschwüre, Wunden,
  • Lupus erythematodes,
  • Venenerkrankungen, Ödeme,
  • Ulcus cruris
  • Hämorrhoiden,
  • Wadenkrämpfe, schwere und geschwollene Beine,

Welche Wirkstoffe sind in der Gemeinen Rosskastanie enthalten?

In den Blättern, Samen und der Rinde der Rosskastanie sind vorwiegend Saponine, Cumarine (unter anderem Aesculin [Esculin] und Aesculetin[Esculentin]), Flavonoide (z. B. Quercetin) und Kaffeesäurederivate enthalten, außerdem Triterpensaponine und Aescin [Escin] (ein Gemisch von mehr als 30 verschiedenen Saponinen [vor allem Glykoside des Barringtogenols C und des Protoaescigenins]). Hauptanteil im Aescin [Escin] ist mit circa 40% das β-Aescin [β-Escin], das selbst zu mehr als 60% ein Gemisch aus den fünf pentacyclischen Triterpen-Sapogeninen Aescin Ia (s. Abbildung), Ib, IIa, IIb und IIIa ist. Weiterhin sind enthalten Alantoin, Kampferöl, Cholin, Cyanidin, Fraxin (ein Glykosid), Gerbstoffe und Gerbsäure, Linolensäure.

Welche Teile der Pflanze werden verwendet?
Als Arzneidroge werden zumeist frischer oder getrockneter Rosskastaniensamen (Kastanien) verwendet. Seltener ist der Einsatz von Rosskastanienrinde (Borke), Rosskastanienblättern und Rosskastanienblüten.

Anwendung
Der Einsatz erfolgt in Form von Zubereitungen am Wirkort, wie Gelen und Salben, sowie als orale Formen wie Tabletten, Dragées, Kapseln, Tinkturen und Tropfen. Die äußerlich anzuwendenden Mittel werden in der Regel zweimal, einige bis zu fünfmal täglich aufgetragen. Die oral zu verbreichenden Formen nimmt man in der Regel morgens und abends ein. Eine Einnahme zusammen mit den Mahlzeiten verbessert dabei oft die Verträglichkeit.

In Deutschland sind folgende Präparate üblich:
Als Monopräparate Aescuven, Essaven, Reparil, Venostasin.
Als Kombinationspräparate Opino, Sportupac

Einen Tee aus der Rinde stellt man her, indem man einen Teelöffel der Rinde in Tasse kaltes Wasser gibt, dann aufkocht und nach 3 Minuten abseiht. Trinken Sie je nach Bedarf 1 Tasse davon.

Verschiedenes
In den beiden Weltkriegen ließ die britische Regierung Kastanien sammeln, um Aceton zur Herstellung des Sprengstoffs Kordit zu gewinnen (mit Aceton konnte der Sprengstoff aus Nitrozellulose [Schießbaumwolle], Nitroglyzerin und Vaseline geliert und in Schnüre gepresst werden). Die Unbeständigkeit von Kordit (es kam zu mehreren Explosionen auf Schiffen ohne Feindeinwirkung) führte aber dazu, dass es heute nicht mehr verwendet wird. Früher hat man verschiedene Pflanzenteile der Rosskastanie zum Färben von Wolle verwendet. Mit den Schalen der Rosskastanie erhält Wolle eine braune Farbe, die Blätter ergeben je nach Jahreszeit unterschiedliche Farben. Anfang Mai gepflückte Blätter ergeben einen rostbeigen Ton, durch im August gepflückte erhält man einen honiggelben Farbton. Besonders gerne hat man Kastanien über den Gewölbekellern von Bierbrauereien angepflanzt, da ihre Wurzeln nicht sehr tief gehen und die ausladenden Kronen reichlich kühlen Schatten spenden. Das hielt die Bierkeller zusätzlich kühl und kam der Bierqualität zugute. Daher ist die Kastanie der typische Baum in Biergärten.


Dr. rer. nat. Frank Herfurth
Heilpraktiker, Dozent, Lebensmittelchemiker
Ostlandstr. 53a
50859 Köln

Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!