PSYCHOLOGIE aktuell

(0 Bewertungen, durchschnittlich 0 von 5)

Berufliche Perspektivlosigkeit durch mangelndes Selbstwertgefühl

Fallbeschreibung aus der Entspannungspraxis-Berufliche Perspektivlosigkeit durch mangelndes Selbstwertgefühl

Fallbeschreibung aus der Entspannungspraxis

Frau Michaela K., 48 Jahre schildert mir sehr berührend ihre Lebensgeschichte. Viele Krankheiten in der Kindheit, darunter viele Erkältungskrankheiten, Ohr- und Mandelentzündungen, Pfeiffersches Drüsenfieber, Bindehautentzündungen, rheumatische Symptome in den Knien. Sie selbst sagt, daß sie sich durch diese vielen Krankheitsphasen in der Kindheit persönlich nicht frei entfalten konnte. Michaela K. schildert das Gefühl des Alleinseins, Misserfolge, die dazu führten, daß sie sich nicht mehr traute, blockierte Kreativität, kein Zugang mehr zu künstlerischen Dingen. Sie konnte, traute, sich nicht mehr offen auf Neues zuzugehen. Das Fach Sport war ihr bald verhasst, da sie den Anforderungen dort nicht gewachsen war. Aber in ihr lag ein Traum vom tanzen, der sich durch immer wieder auftretende Knieprobleme nicht erfüllen konnte. Manchmal war es schon die Angst vor dem Schmerz, der gleich kommen könnte, oder die Angst vor einer muskulären Instabilität, Kraftlosigkeit, die von vornherein alles im Keim erstickte. Nichts konnte sich entwickeln. Sie lernte einen Beruf den sie nicht wollte, da sie die medizinische Aufnahmeuntersuchung im Bereich Logopädie damals nicht bestand und so musste irgend etwas anderes her. Es gelang ihr zu keinem Zeitpunkt beruflich oder persönlich erfolgreich zu sein. Beruflich und persönlich erfolgreich definierte Michaela K. mir mit den Worten: "...ich wünsche mir in meinem Inneren ein Gefühl der Freude, ein Gefühl der Freiheit. Ich möchte über Grenzen gehen können, ein Gefühl haben, daß alles möglich ist und es sich in meinem Leben zeigt." Heute, sagt Michaela K., sei sie mittlerweile selbständig tätig und stehe, vor dem beruflichen Aus. Ihr gelang es trotz wechselnder Angebote nicht sich beruflich zu etablieren. Die Familie zerbrach. Sie lebt jetzt allein und wirkt auf mich kraftlos, leer, voller Trauer, verzweifelt. Eine Frau mit einem äußeren Erscheinungsbild des "gleich in sich Zusammenfallens". Mich schaut eine im Inneren, im Herzen verletzte traurige Frau an, doch ich spüre darunter eine große Lebendigkeit und Kraft. "Bitte helfen Sie mir meinem Leben einen Sinn zu geben. Ich bin eine Frau die nichts auf die Reihe bekommt, offensichtlich nichts kann und vom Ehemann verlassen wurde."

Das war nun das Anliegen, um daß es jetzt hier ging.

Ich schlage Michaela K. mehrere Sitzungen in der Natur vor, bestehend aus den Komponenten Bewegung über Shiatsu- und Tanzelemente sowie Entspannung. Sie willigt ein und wir vereinbaren Termine.

Ich sehe als Ursache der heutigen Perspektivlosigkeit von Frau K. das in der Kindheit entstandene und über einen langen Leidensweg gewachsene Problem eines mangelnden Selbstwertgefühls, in dem sich zahlreiche verletzte Gefühle verbergen, die Michaela K. in ihren Handlungen und ihrer Flexibilität und Kreativität blockieren. Mein Ansatz ist es, Frau Michaela K. gezielt über die Wahrnehmung in der Natur an innere Orte zu führen, die mit Shiatsu-Bewegungen und entsprechenden Tanzelementen aus dem Bauchtanz und Tribal-Tanz korrespondieren. Gerade über gezielte Anspannung und Entspannung einzelner Muskelgruppen während des Tanzes, insbesondere im Bauchraum versuche ich Anspannung zu lösen und damit blockierte Gefühle wieder in den Fluss zu bringen, um dann im beruflichen Coachingprozess kreative Lösungsansätze zu erarbeiten.

Die Bewegung in der Natur stärkt die Verbindung zur Erde, zu den eigenen Wurzeln und aktiviert die schöpferische Kraft im Sakralchakra. Ich gehe bewusst mit Michaela K. in die Kraft des Tanzes, einer Form des Selbstausdrucks, da es sich hier um eine eigene Idee aus der Kindheit handelt.


Erster Termin
Wir treffen uns in der Natur. Ich habe einen kleinen Berg ausgewählt, der den Blick öffnet, Weite und Freiheit erfahrbar macht. Unten liegt ein wunderschöner See, der heute ganz ruhig vor uns liegt. Es ist ein warmer Sommertag. Wir ziehen die Schuhe aus und beginnen. Zunächst lege ich den Focus auf den Atem und die Wahrnehmung. Danach folgen Shiatsu- Dehnungen in Form von angeleiteten Übungen, die einem eigenen Tanz gleichen und den Körper geschmeidiger machen. Der Übergang zu einigen Bauchtanzelementen ist fließend. Dabei nutze ich einen kleinen Tamburin als Rhythmusinstrument. Der Rhythmus nimmt Frau Michaela K. sofort mit und sie hat sichtlich Freude an dieser Arbeit. Immer wieder folgt ein Wechsel aus gezielter Muskelanspannung, Entspannung und einer fließenden Welle. Die Gesichtszüge werden weicher und Michaela K. wirkt immer lebendiger. Frau K. signalisiert mir, daß es für sie ein wunderschönes Gefühl ist, sich so in der Natur zu spüren. Sie atmete tief und sagte: "Ich lebe." Ein sehr bezeichnender Satz, wie ich finde. Abschließend mache ich Frau K. den Vorschlag vielleicht zu Hause ein Bild zu malen. Aber nicht so wie früher in der Schule, sondern so wie ein Kind, das spielt. Ich gebe ihr ein Rezept aus dem Künstler-Repertouir zur Herstellung von Naturfarben, eine Eitempera: 1 frisches Ei, den gleichen Anteil Öl, etwas Wasser in eine Schüssel und einfach mit einer Gabel aufschlagen. Als Farbpulver empfehle ich das mit seiner braun-roten Farbgebung und seinem Duft wärmende Kakaopulver, um eine Ebene des kindlichen Experimentierens in Verbindung mit sinnlichem Erleben zu schaffen. Vielleicht an einigen Stellen noch eine Eitempera mit Zimtpulver? Michaela K. ist überrascht, von dem Rezept und hat Lust es auszuprobieren.

Zweiter Termin, zwei Tage später
Heute treffen wir uns am See auf den wir das Letzte Mal geschaut haben. Michaela K. wirkt kraftvoller auf mich. Begeistert erzählt sie mir von ihrem Mal-Experiment und zeigt mir ihr Werk. Sie hat mit weißem Mehl- Eitempera-Gemisch ein Mandala auf den Kakao-Zimt-Untergrund gemalt. Das Mandala war noch nicht harmonisch. Es ließ noch deutlich die Disbalancen erkennen. Frau K. lächelte und sagte, es wäre ein total schönes Erlebnis gewesen. Sie hätte seit den Misserfolgen damals in der Schule nie wieder gemalt. Es war das erste Bild seit Langem. Und es war für sie schön. Mit diesen Worten gehen wir in die heutige Sitzung. Das Wasser gleicht einem Spiegel. Diese Kraft der Natur nehme ich auf und beginne wieder mit Atem, Wahrnehmung und Shiatsu-Tanz, in den ich Naturbilder integriere. Wir gehen am Ufer entlang. Der Sand massiert die Füße, die das Wasser sanft umspielt. Ich schlage eine Sitzung mit Tanz im Wasser vor. Mein Bild dazu ist: "Wir schauen / gehen in den Spiegel, in das Wasser= das Gefühl, das heute in der Natur ganz ruhig und sanft ist." Michaela K. ist einverstanden. Ein Tanz im Wasser mit Spiralen, Wellen und Pendelbewegungen folgt. Michaela lässt sich immer mehr fallen, geht immer mehr in die Impulse, die sie durch ihre Bewegung vom Wasser erhält. Zum Schluß liegt sie ruhig im Wasser. Nur Augen und Nase schauen noch heraus. Sie lässt sich treiben im "Fluss des Lebens". Frau Michaela K. fühlt sich entspannt, befreiter, leichter und war sehr angetan von der intensiven Wahrnehmung des Wassers.

Dritter Termin, 1 Woche später
Wir treffen uns auf einer großen freien Wiese, die von Bäumen umsäumt ist. Heute wirkt Michaela K. auf mich sehr angespannt. Sie sagt, daß es ihr nach unserem letzten Termin super ging. Sie hatte auch einige Ideen hinsichtlich ihrer Selbständigkeit, aber seit 2 Tagen fühle sie Unruhe, kann schlecht schlafen und sie spüre deutlich ihre Verspannungen. Nach der Einführung über Atem, Wahrnehmung, Shiatsu-Tanz zeige ich Michaela K. Tanzelemente aus dem Flamenco, mit seiner stolzen Körperhaltung, dem klaren weiblichen Ausdruck und der Erdung über die Fußarbeit. Ich begleite mit Kastagnetten. Die sichtbare Anspannung weicht. 2 Tage später folgt ein Indoor-Coaching zur Neuorientierung in der Selbständigkeit. Es geht um das Erkennen alter Vorgehensweisen, die zu Misserfolg führten und um erste Veränderungen. Das Gefühl aus dem Tanzen trägt erste Früchte. Frau Michaela K. wirkt bereits wesentlich selbstbewusster.

Vierter Termin, 1 Woche später
Wir treffen uns auf der gleichen Wiese, wie beim letzten Mal. Michaela K. kommt fröhlich auf mich zu. Ich habe einen lebendigen Eindruck. Sie berichtete mir von einem neuen geschäftlichen Termin und das sie ihrem inneren Impuls gefolgt sei und wie ein kleines Mädchen ein riesengroßen Naturblumenstrauß gepflückt hätte. Nach der gewohnten Einleitung zeigt sich heute ein auf mich eher brodelnd wirkendes Gefühl, daß sich seinen Weg aus Michaela K. heraus suchen möchte. Ich gehe in die Sequenz des Feien Tanzes und begleite mit einer Djembé-Trommel. Wir gehen durch verschiedene Rhythmen in Begleitung mit Wasser-Visualisierungen (Ruhe, Fließen, Unruhe, Schnelligkeit, Chaos, Neuordnung, Frieden, Stille) Das Ende bildet eine kleine Phantasiereise. Frau K. wirkt jetzt wieder ruhig und ausgeglichen. Sie selbst hat das Gefühl "viele Pfunde abgenommen zu haben", sie fühle sich total leicht und frei.

Einen Tag danach, erneuter Indoor-Coaching-Termin. Erste positive Veränderungen im geschäftlichen Bereich bahnen sich an. Wir erarbeiten neue Wege.

Fünfter und letzter Termin, 1 Woche später
Heute stehen wir auf einer in kleine Hügel eingebetteten Wiese mit Blick auf das Wasser. Ich sehe schon von Weitem an der Kleidung von Michaela K., daß sich etwas verändert. Sie wird mutiger in ihrem Selbstausdruck. Insgesamt wirkt sie auf mich gelöst. Die in ihr innewohnende Stärke und Kraft ist jetzt im Außen wahrnehmbar. Sie selbst strahlt und sagt, es ginge ihr super. Auf ein Mal würden sich ganz neue Menschen und Möglichkeiten auf sie zu bewegen. Michaela K. beginnt wieder an sich selbst zu glauben und hatte große Freude am Tanzen. Sie überlegt einen Kurs zu belegen.

Dann beginnt unsere letzte Sitzung. Nach der gewohnten Einleitung nehmen wir auf der Wiese Platz und beginnen zu Tönen. Ich setzte den Vokalgesang ein, der in intuitives gefühltes Singen mündet. Nun führe ich in eine kleine Tanzmeditation mit einem Schmetterling. Dafür habe ich für Michaela Isis-Wings mitgebracht. Sie sind golden plissiert und am unteren Rand schillern Blumen im Sonnenlicht. Michaela K. sagt, sie fühle sich damit wie eine Königin, so wunderschön. Ich mache noch schnell ein Erinnerungsfoto für sie und dann beginnt die meditative Tanz- Verwandlungsreise, zu der Michaela K. ihr eigenes Lied tönt und singt. Frau Michaela K. bedankt sich strahlend, ist begeistert und sagt, so etwas schönes wie jetzt hätte sie noch nie zuvor in sich gefühlt.



Simone Radloff
Entspannungstrainerin, Shiatsu-Praktikerin, Personal-Coach, Psych. Beraterin, Dozentin
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!