PSYCHOLOGIE aktuell

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Familienbild während des Wirtschaftswunders – ein langanhaltendes „Wunder“

Familienbild während des Wirtschaftswunders – ein langanhaltendes „Wunder“

Stress, ein inzwischen Langzeitthema und Burnout, ein immer häufiger auftretendes Phänomen sollten in der Psychotherapie nicht nur als ein zu behandelndes Krankheitsbild angesehen werden, sondern um die Ursache zu ergründen, als ganzheitliche, gesellschaftliche Erscheinung wahrgenommen werden.

In den Berichten, die im News Blog auf „heilpraktiker.de“ veröffentlicht sind, wie „Burnout-Prophylaxe“ von M.R.Mangold oder „Naturheilverfahren gegen Stress“ und „Volkskrankheit Burnout“ von A.Schirmohammadi sind wirksame Therapiewege beschrieben.

Nur macht mich der Fakt, dass 35% der Frühberentung auf Burnout zurück zuführen sind, nachdenklich. 

Uns HPG HeilpraktikerIn sind die Symptome von Stress hinreichend bekannt, auch die Befundkriterien „Hilfsbereitschaft“ und Mangel an Selbstwertgefühl . Ist Empathie oder Achtsamkeit verwerflich? 

„Nein, sicher nicht“, T. Wiegand geht im News Blog in ihrem Beitrag „Von der Brutalität der Opfer“ auf das Thema ein – ich bin bedürftig, helft mir – ohne Achtung ob die persönliche Sphäre der anderen gestört bzw. zerstört wird. In der Realität erscheint dies unter anderem in folgender Form, hat ein/e Berufstätige/r für einen befristeten Zeitraum längere Arbeitszeiten als das normale Tagespensum.

Wen beeinträchtigt diese Situation – den/die PartnerIn, die Familie, den Bekanntenkreis, die eigene Freizeit und vielleicht noch eine Vereinstätigkeit. Sind nicht alle Aufgezählten bereit, die nötige Empathie entgegen zu bringen, fängt die Stress-Spirale an und ganz selbstverständliche Teamarbeit zur Ursache.

Ein Defizit an Selbstwertgefühl formt sich in der Kindheit und Jugend aus. Verinnerlichen wir uns die Freud´schen Grundlagen der Psychoanalyse und die neurologischen Belege der Hirnentwicklung unter anderem von Donald Hebb. So wird deutlich, wie wichtig die Entwicklung und Entfaltung im Kindes- und Jugendalters ist.

Über Generationen hinweg baute sich ein umfangreicher Erfahrungswert innerhalb einer Partnerschaft, Familie und Gemeinschaft auf. Das Beobachten, Wahrnehmen und daraus die Gesetzmäßigkeiten zu erkennen dienten dem Weiterkommen. Der Mensch eignete sich so über Jahrtausende Sachkenntnisse über Gesundheit und Krankheit an, über die Vorgänge in seinem Körper und die Entstehung von neuem Leben. Machen wir eine Rückschau auf die vergangenen Jahrzehnte, teils in der eigenen Erinnerung oder durch Dokumentationen belegt, wie die zweiteilige Reportage von S. Jung „Das Glück der Hausfrau – zwischen Sehnsucht und Einbauküche“, das von verschiedenen TV-Sendern ausgestrahlt wurde. Hier berichten vier Frauen auf beeindruckende Art die Prüderie und Spießigkeit dieser Epoche.

Prof. Dr. Axel Schildt, der sich ausführlich mit den 50er Jahren beschäftigt, beschreibt sie als „ Die Verschränkung von dynamischer Moderne (Automobilboom, Massentourismus, Fernsehgesellschaft usw.) und das Zurück tasten zum Altvertrauten (z.B. hinsichtlich der autoritären Wertmustern in Ehe, Familie und Schule).

Was macht unser Leben lebenswert? Was ist Wohlstand? Nach Kriegsende prophezeiten die Alliierten, der Wiederaufbau Deutschlands würden ca. 50 Jahre in Anspruch nehmen. Der materielle Aufbau erfolgte in weniger als zwei Jahrzehnten - „Das Wirtschaftswunder“. Ganz stolz erzählt die Kriegsgeneration heute noch was man sich in diesem oder jenem Jahr leisten konnte.

Das wichtigste, die Harmonie, das Maß was macht Sinn,blieb auf der Strecke. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 diente für das Grundgesetz die demokratischen Vorgaben der Weimarer Republik. Im Bürgerlichen Gesetzbuch, es mag an der Hilflosigkeit der Nachkriegswirren gelegen haben, wurden Artikel festgelegt die paradoxer nicht sein konnten. Der Mann hatte dadurch die totale Verfügungsgewalt über seine Frau. Er bestimmte den Wohnort und nur er entschied über Erziehungsfragen der Kinder. Frau hatten keine Vertragsberechtigung und kein Recht auf Erwerbstätigkeit – diese Regelungen hatten bis 1. Juli 1958 mit der Reformierung des BGB bestand.

Es geht mir hier nicht um Emanzipation, sondern um die Tatsache, dass Frauen ein gleichwertiger Teil der Gemeinschaft sind und in Minijobs oder Teilzeit, in heutiger Formulierung, seit Generationen tätig waren. Diese gesetzliche Regelung nach dem BGB machte aus der Familie ein widersinniges Gebilde. Um das Ganze krass darzustellen wurden Frauen zu Dummchen gemacht, hatten aber Jahre vorher in den Kriegswirren das Leben aufrecht zu erhalten und mussten zudem sexuelle Übergriffe erdulden. Das Familienbild in dieser Form festigte sich unterstützt durch Werbe-Slogen, zuerst in Kinos als Vorspann vor dem Hauptfilm, später durch Werbesendungen im Fernsehen.

Ein weiteres Phänomen aus dieser Zeit sind die Handlungsreisenden, Frauen durften ja nicht selbst entschieden was gekauft wurde, mit Angeboten von Haushaltsgeräten über Lebensmittel bis Kosmetika. Jegliches natürliche Urteilsvermögen wurde dadurch unterdrückt.

Kinder unterlagen von Geburt an genauso diesen teils „erträumten“ und gleichzeitig übernommenen Erziehungsmaßnahmen. Bis weit in die 1980er kam es einem Drama gleich, dass Kinder ohne Schuhe besser laufen lernen oder das „Sauber werden“ ein wichtiger Faktor darstellte. Die natürlichen kindlichen Wahrnehmungen, wie Fühlen, Tasten und Riechen, von Körper und Umfeld, standen im Hintergrund, weinende Jungs galten nach wie vor als Schwächling, um nur einige Kriterien zu nennen, Fantasie und Selbstfindung passten nicht in dieses Gebilde Familie.

Das Schulsystem glich Anfang der 1950er eher einem Schulwirrwarr, dass mit den vorhandenen Mitteln weiter geführt wurde. 1955 regelte das Düsseldorfer Abkommen die Vorgaben an weiterführenden Schulen, erst 1964 folgte die Reform der damaligen Volksschulen. Mit jungen Pädagogen/In änderte sich die Struktur des Unterrichts und das Lernen aus dem Lernen trat in Vordergrund, die Kritikfähigkeit, das Abwägen, Urteilen und Schlüsse daraus ziehen, weg von der erlernten Hilflosigkeit.

Ende der 1960er, auf Initiative von Käte Strobel, Bundesministerin für Gesundheit, wurde die Sexualerziehung an Schulen ein fester Bestandteil. Sinn sollte sein, den Körper zu verstehen in seiner uns gegebenen Weise, die Funktion des Stoffwechsels, des Körperbaus, den Einfluss der Hormone, die Entstehung neuen Lebens und die Entwicklungsphasen von der Geburt über Pubertät bis ins Alter. Die Jahrhunderte alten Grundlagen von Gemeinsamkeit und Familie.

Für die Prüderie die in vielen Familien noch vorherrschte, stellte das Wort „Sexualerziehung“ eine förmliche Reizkonfrontation dar – die Geschichte mit dem „Klapperstorch“ hatte ausgedient. Gleichzeitig machten sich in den Kinos zuerst die Aufklärungsfilme, gefolgt von den diversen „Report-Filmen“, breit. Zweitere hatten zur Folge, das die Berufs- Gruppen im reellen Bereich mit den „Reporten“ gleichgestellt wurden, was nicht den eigentlichen Sinn erfüllte. Die Boulevard-Presse nutzte die „Sexwelle“ ebenfalls als Leser-Magnet.

Der nächste Konflikt im Familienbild brachte die „Flower Power Ära“ mit sich. Weg von der Heimatfilm-Idylle mit den Schnulzen-Lieder hin zu Beat und Rock. Im Gegenzug suggerieren die Massenmedien mit Werbe-Slogan von weißer und noch weißerer Wäsche, Aprilfrische und Hochglanz-Fußböden das konservative Leben und den Zwang nach Konsum. Ein Drang der bis heute anhält und selbst vor Mülltüten nicht halt macht, sie sind inzwischen mit synthetischen Zitronenduft erhältlich.

Ein Gegensatz nach dem anderen. Mit den aufgeführten Fakten, die nur einen Querschnitt darstellten, möchte ich zum Nachdenken anregen, für Heilpraktiker ein unverzichtbares Werkzeug. In der Psychotherapie hat das Umfeld des Patienten einen großen Stellenwert und wird verständlicher bei der Rückblende auf die vergangenen Jahrzehnte. Holen wir uns unsere Selbstwerte, unsere natürlichen Ressourcen, die Sinnlichkeit, das Selbstverständliche, die Intuition, das Gemeinsame zurück. All diese Charakteren die das Leben über Generationen begleitet hat. Uns steht das frei Denken, die Meinungsfreiheit zu, der Generation vor uns nicht.

Die faire Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt.
Die empathische und achtsame Gesprächsgrundlage, die gewaltfreie Kommunikation, sind die Basis für ein friedliches Zusammenleben.
Wenden wir uns ab von Zwang und Perfektion.
Es liegt an uns dem Stress und letztendlich Burnout entgegen zu treten, nicht ein Einzelner bewältigt dies.

 

 

Ingrid Frank
Psychotherapeutische
Heilpraktikerin
www.praxis-ingridfrank.de