PSYCHOLOGIE aktuell

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Tod im Krankenhaus

Migräne: Breites Betätigungsfeld für Heilpraktiker

Der sterbende Mensch wird zur Cash Cow für das Wirtschaftsunternehmen Krankenhaus. 

Wie ich die letzten Tage meines Vaters nach einem Schlaganfall erlebte.

15.02.2018. Ich sitze im Zug nach Basel, genauer nach Lörrach zu meiner Mutter. Mein Vater liegt mit einem multiplen Hirninfarkt in Freiburg in der Uniklinik. Nach einem Schlaganfall am 13.02. um 05:30 Uhr morgens rief meine Mutter den Notarzt. Im Umkreis von Lörrach waren die Intensivbetten der Stroke Units belegt, so dass mein Vater schließlich in die 72 km entfernte Freiburger Uniklinik verbracht werden musste, wo er um 07:27 erst eingeliefert wurde.

Ich weiß nur, dass sein Gehirn großflächig beschädigt ist, unter anderem der Sehnerv, der Nervus oculomotorius und sowohl die linke als auch die rechte Gehirnhälfte betroffen sind. D.h. es sieht so aus, als wenn er weder sehen oder sprechen noch gehen können wird. Seine Augen sind geschlossen, er ist nicht ansprechbar, wird intubiert und reagiert nicht oder kaum wahrnehmbar auf Berührung. Natürlich habe ich Angst davor, ihn so zu sehen und vor dem Schmerz meiner Mutter.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, als wenn ich nicht ganz da wäre, obwohl ich im Zugabteil der SBB mitten unter Menschen sitze, vorwiegend natürlich geschäftlich reisende Männer hier in der 1.Klasse. Es wird sich über den Job, über Hausbau, Urlaub und neue Autos unterhalten, das, wofür die meisten zu leben scheinen. Arbeit, Geld, Haus, Auto, Reisen, Elektronik, Technik, Einrichtung, - Konsum eben. Mir fällt auf, dass sich besonders Männer fast nie über Gefühle, Ängste unterhalten, obwohl doch genau die es sind, die sie antreiben. Die Angst vor dem Tod.

Ich werde ihm wohl jetzt begegnen, dem Tod. Sich vorzustellen, dass mein Vater nicht mehr nach Hause kommt, nicht mehr seine Bundesliga oder Champions-League gucken kann, die nächste Weltmeisterschaft in Russland, die laufende Olympiade in Pyeongchang. Eigenartig. Der ganze Ärger über die Nachbarn, Kleinigkeiten des Alltags wie das Essen, das nicht heiß genug auf dem Tisch steht, der Mülleimer, der nicht am dafür vorgesehenen Platz steht…es ist so banal. Wir lassen uns das Leben vermiesen mit Scheißkram, unwichtigen Banalitäten, nur um nicht unseren Ängsten begegnen zu müssen.

Ich fühle mich leer und bin traurig. Dieses Traurig sein, wofür ich durch die Krankheit meines Vaters jetzt Anlass habe, kenne ich gut, denn ich bin oft traurig. Wenn es intensiv wird, dann ist das Traurig sein fast schön; man ist dann erfüllt von Trauer,- und nicht leer. Meine Frau, war krank heute Morgen und ich kann mich jetzt nicht um sie kümmern, weil ich zu meinem todkranken Vater muss und meiner immer noch fürsorglich helfenden und doch jetzt ohnmächtigen Mutter beistehen möchte. Wie kann ich sie trösten? Was soll ich ihr sagen? …dass sie jetzt weiterleben muss für ihn, für sich, für beide, für uns Kinder? Ich habe kein einziges gutes, offenes, ehrliches Gespräch mit meinem Vater geführt, nie, es war nicht möglich. Das macht mich traurig, denn ich werde keinen anderen Vater haben. Ich habe längst keinen Groll mehr, ich habe weder mir noch ihm alles verziehen, aber ich habe mich für Vergebung geöffnet und ich verstehe warum er so ist/war wie er ist/war. Was schreib ich jetzt? Ist oder war? Jedenfalls wird er nie mehr der, der er war, soviel ist klar. Am 13.02.2018 um halb sechs Uhr morgens endete das bisherige Leben meines Vaters durch einen apoplektischen Insult, einen multiplen Hirninfarkt. Das Datum hat mich gleich beschäftigt. Er wurde geboren am 26.01.36 und dann dieses Datum: 13.02.18! Alle Quersummen ergeben jeweils die Hälfte oder das Doppelte des anderen Datums oder entsprechen sich. Zufall?
Es hat heute Morgen geschneit. Von Bochum bis Koblenz ist alles von Puderzuckerartigem Schnee bedeckt. Der Zug schlängelt sich dem Rhein entlang, alles wirkt friedlich, während auf den Autobahnen das Chaos ausgebrochen ist. Es war die richtige Entscheidung, den Zug zu nehmen. Schnee bringt eine Art Stille, Ruhe, Frieden, - das passt irgendwie. Ich bete. Ich bete um Gnade für meinen armen Vater, dass er nicht leiden möge, dass er erlöst werde von seinem müden, erschöpften Körper, der ihn bis zum äußersten gedient hat, obwohl er längst kraftlos und ausgelaugt war. Ich bete darum, dass das schier endlose Leid ein baldiges Ende finden möge und auch das Bangen und Hoffen.

..Loreley, Deutsches Eck, Koblenz, was auch immer da draußen an mir vorbei zieht, ich habe das Gefühl, wir fahren durch eine surreale Landschaft. Wir sind eben nur Durchreisende. Die Welt, das Leben wird immer hektischer, schneller, digitaler und je schneller wir reisen, desto weniger nehmen wir bewusst wahr, desto weniger schauen wir. Je weniger wir schauen, nur noch gucken, glotzen, zappen, wischen, desto wahlloser werden wir. Alles wird konsumiert, oberflächlich, schnell, uninspiriert, schnell gelangweilt und gierig, ängstlich dabei etwas zu verpassen, süchtig nach Anerkennung, unachtsam, unbewusst.
Wir sind voller Erwartungen und werden enttäuscht, wir sind hungrig und werden nie satt.


Es gab schon immer Menschen und es gibt immer mehr Menschen, die das alles längst erkannt haben, aber der Zug fährt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter und die Stimmen, die ein neues Bewusstsein predigen, werden vom Lärm der anderen übertönt. Ich frage mich oft, ob es sich lohnt, all das zu ertragen, immer auf der Suche nach einem Ausweg, ein bisschen Frieden, Freude, glücklichen Momenten, Liebe.

Mainz Hauptbahnhof, ein Tag nach Aschermittwoch. Nichts mehr zu sehen vom rauschenden Karneval. Over and out. Alltag. Bis zum nächsten 11.11. Karneval ist auch so ein Ereignis, das mich jedes Jahr aufs Neue daran erinnert, dass ich nicht dazugehöre und ich gestehe, es schmerzt mich ein wenig. Ich beneide die Menschen um ihren Frohsinn, die ausgelassene Freude, das Miteinander, diese scheinbare Geborgenheit und Einigkeit im fröhlichen Saufen, Schunkeln und Grölen und Schmusen. Ausgelassene Freude habe ich in meinem Leben, ehrlich gesagt, selten erfahren. Bedrückte Sehnsucht, Einsamkeit und Unmut kenne ich persönlich besser. Ich beneide sie nicht um den Kater am Ende der jeweiligen Session, wenn das Kostüm abgelegt, das Glas leer, die Illusion gewichen ist und der Spiegel wieder das wahre Ich offenbart, das man doch so satt hat. Durchhalten, vielleicht nächstes Mal. Aber was nächstes Mal?

Es ist 10:55 Uhr. Ich bin seit 07:10 Uhr unterwegs; bei heftigem Schneegestöber, das für Bochum sehr außergewöhnlich ist, habe ich eine Furche durch den Schnee gepflügt mit meinem großen Rollkoffer von der Haustür bis zum S-Bahnhof in Höntrop, von wo ich zum Hauptbahnhof in Essen um 07:21 aufgebrochen bin. Ich bin eine S-Bahn früher gefahren wegen des Schnees und dann musste ich eine halbe Stunde am zugigen Essener Hauptbahnhof auf den Eurocity der Schweizer Bundesbahn warten. Das sind jetzt fast 4 Stunden und 3 liegen noch vor mir. Mein Rücken schmerzt. Inzwischen ist der Großraumwagen fast leer. Der nächste Halt ist in Mannheim in ca. 25 Minuten. Es liegt immer noch Schnee, der Himmel ist bedeckt und so weiß wie die Erde. Alles ist weiß, so wie im Himmel und wahrscheinlich auf der Intensivstation der Neurologie in Freiburg, wo mein Vater jetzt liegt.Die meisten Menschen sterben heutzutage in Krankenhäusern. Sie werden durch die moderne Medizin so lange am Leben gehalten bis ihre geschundenen Körper nur noch im Krankenhaus sterben können. Ich möchte nicht in einem Krankenhaus sterben. Wie viele Menschen, die in einem Krankenhaus oder Pflegeheim gestorben sind, haben diesen Satz schon gesagt? Ich wette, die allermeisten. Und warum tun sie’s dann doch? Was ist so eine Entscheidung heutzutage noch wert? Nichts? Warum wollen wir nicht in einem Krankenhaus sterben und schließen dann aber eine Patientenverfügung ab?


Schließen wir eine Krankenversicherung ab, um sicher zu gehen, dass wir krank werden? Haben wir im Alter zunehmend Angst, dass uns die Themen ausgehen, wenn wir nicht krank sind oder vor Vereinsamung außerhalb der Ärzte-Wartezimmer? Verlieren wir unser Zeitgefühl ohne Arzneimittel- Einnahmeplan für morgens mittags abends?
Mannheim: wir haben Zeit gutgemacht. - und schon wieder verloren, denn wir müssen auf sog. Anschlussfahrgäste warten. Kann man Zeit gutmachen, gewinnen? Kann ich Zeit gewinnen, wenn ich schneller bin als andere? Vergeht die Zeit oder vergehen wir? Der Zug fährt weiter in Richtung Karlsruhe, hier in Mannheim liegt kaum noch Schnee.

Es drückt mir auf den Magen bei dem Gedanken, dass der Zug nachher auf dem Weg nach Basel bzw. Lörrach, von wo ich mit meiner Mutter nach Freiburg fahren werde, in Freiburg halten wird. D.h. ich werde dem, was von meinem Vater noch übrig ist, ganz nah sein, dann weiter fahren, um anschließend mit dem Auto in die Klinik zu ihm zurück zu fahren.Inzwischen sitzt neben mir auf der anderen Seite des Ganges eine Mutter mit ihrer ungefähr 7 jährigen Tochter. Sie spielen ein Kartenspiel zum Zeitvertreib. Wir können uns wehren und Nein sagen sooft wir wollen, wir können kämpfen und uns anstrengen, uns zusammenreißen, lernen, versichern, auszeichnen und vorsorgen, das Leben geht seinen Gang, es gibt kein Entkommen. Karlsruhe, es regnet. Ich sende einer Freundin, die bei Karlsruhe lebt, eine Nachricht. Sie kennt meinen Vater. Dabei kommen mir die Tränen, ich weiß nicht wieso. Vielleicht ist es das, was wir lernen dürfen: Wir sind nicht hier, um zu kämpfen, wir sind hier um zu leben, jeden Moment, im Fluss des Lebens, damit wir mit einem lachenden Auge dem Tod begegnen können, denn wir haben gelebt. Der Tod ist das Finale, er ist die Belohnung für ein gelebtes Leben. Nur, was du wirklich liebst, kannst du loslassen. Anstrengung, Kampf, Zusammenreißen, Krampfen und quälen haben mit Liebe nichts zu tun.

Du stirbst so wie du gelebt hast, leicht oder verkrampft. Mein Vater stirbt verkrampft. Das Leben irrt sich eben nicht. Schummeln ist nicht. Und dennoch, ich glaube an das ewige Bewusstsein, an das Jenseits von Zeit und Raum, das danach kommt. Ob holprig, verkrampft oder leicht, auf der anderen Seite wartet das Licht, bedingungslose Liebe für jeden menschlichen Seelenanteil und dort steht niemand mit einem Urteilsspruch, kein Richter, kein Fegefeuer, alles dummes Zeug; dort gibt es nur Frieden für Jeden, der das Abenteuer der menschlichen Existenz eingegangen ist. Ende der Polarität und Dualität, ewiges Licht. Ich glaube nicht, dass das Bewusstsein an das Gehirn gebunden ist. Mit dem Tod verlässt das menschliche Bewusstsein den Körper. Es ist an diesen Körper gebunden solange er lebt und dann wird aus dem menschlichen Bewusstsein wieder das All-Bewusstsein. Das Leben ist eine Erscheinungsform des Bewusstseins, das mit dem Tod seine Pilgerreise fortsetzt.

Wir nähern uns Freiburg im Breisgau. Es hat aufgehört zu regnen. Die Fahrt läuft reibungslos. Ich fühle mich matt, mein Magen ist leer, ich habe Durst, Deutschland hat 7 Goldmedaillen, es besteht ein Problem mit der Internetverbindung, WLAN gibt’s eh nicht, auch nicht in der 1. Klasse.

Freiburg: Irgendwo hier liegt mein Vater, der Himmel ist grau, es ist beklemmend. Und schon geht die Fahrt weiter nach Basel Badischer Bahnhof. Die ganze Ohnmacht ist fühlbar und doch führt sie uns in die Annahme des Unvermeidlichen, wenn wir durch sie hindurch gehen und den Widerstand aufgeben. Ich fühle jetzt meine eigene Sterblichkeit ganz deutlich. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. 

Es wird knapp mit dem Anschluss von Basel nach Lörrach-Stetten, wo meine Mutter mich abholen wird. Ich gehe ein paar Schritte und möchte sie anrufen. Sie kommt mir zuvor.

Der Besuch bei meinem Vater auf der Intensivstation des Uniklinikums ist ernüchternd, obwohl mir klar war, dass sein Zustand schlimm sein würde, ist es ein Schock, einen Menschen, den man lange kennt, so zu sehen. Wellen des Mitgefühls treiben mir die Tränen in die Augen. Die absolute Hilflosigkeit meines Vaters spiegelt meine eigene Hilfslosigkeit und Ohnmacht. Meine Mutter sitzt neben mir am Bett meines Vaters und wir halten seine Hand, streicheln über seinen Kopf. Seine Augen sind geschlossen, seine Zunge hängt schlaff vom Intubationsschlauch verdrängt wie leblos in seinem halb geöffneten Mund. Ich fühle Verzweiflung. 3 andere Intensivpatienten in ähnlich erbarmungswürdigem Zustand liegen ebenfalls auf der Station, die Angehörigen daneben. Es dürfen immer nur maximal 2 Angehörige bei einem Patienten sein. Mein älterer Bruder wartet draußen. Ab und zu drückt er unsere Hand, legt die Stirn ein wenig in Falten, bewegt reflexartig sein Bein. Meine Mutter öffnet mit der Hand ein Auge, weil er es selbst nicht öffnen kann. Ob er etwas sieht, wir wissen es nicht, wahrscheinlich nicht. Er scheint uns hören zu können, denn 2-mal reagiert er auf eine Ansprache des wirklich liebevollen Pflegers, der ihn ein wenig umbettet.

Dann scheint er wieder ganz abwesend.

Freitag, 16.02.2018

4 Tage nach dem Schlaganfall fahren wir heute Nachmittag wieder nach Freiburg. Ich habe mir vorgenommen, zusammen mit meinem jüngeren Bruder, mit dem Arzt zu sprechen. Mein Vater hat eine Patientenverfügung erstellt und jetzt ist genau das eingetreten, was jeder, der eine PV verfasst, unbedingt vermeiden möchte. Hilflos auf einer Intensivstation zu liegen, sich nicht selbst äußern zu können, keinen Einfluss mehr zu haben.

Beim Alter und den Komorbiditäten meines Vaters sind die Aussichten düster. Sein Leidensweg dauert nun über 20 Jahre, in denen er aufgrund chronischer kardiovaskulärer Erkrankungen und großflächiger Arthrose unzählige Operationen erdulden musste. Sein Körper ist mit zig Stents durchpflügt, Herzklappen-OP, Beipässe, künstliche Hüftgelenke, unzählige Komplikationen von Lyse-Unverträglichkeit bis Kompartment Syndrom, offene Beine, Sepsis, schlecht heilende Wunden, das volle Programm. Und jetzt der apoplektische Insult. Wie er bei den genannten Grunderkrankungen eine Reha überstehen soll, ist mir ein Rätsel. Ich werde den Arzt fragen, welche Optionen da sind und was getan werden kann, um im Sinne von meinem Vater unnötiges Leiden zu vermeiden.

Zurück in Lörrach. Einkaufen mit meiner Mutter. Wie betäubt mit dem Kopf voller Tränen und ziellosen Gedanken gehen wir durch den Supermarkt und üben Normalität. Kartoffeln, Lauch, Paprika, Oliven, ein wenig Fisch und an der Veganen Theke Spinat-Maultaschen. Irgendwie füllt sich der Einkaufswagen. Zu Hause kocht meine Mutter für uns Rotbarsch mit Kartoffelsalat und Endiviensalat. Ich schreibe diese Zeilen, telefoniere mit Ingrid. Der Himmel bleibt bedeckt über dem Schwarzwald. Der Kuckuck aus der Schwarzwalduhr im Haus meiner Eltern ruft 11 Uhr. Ich habe das Zeitgefühl verloren.

Uniklinik Freitag 4. Tag. Gespräch mit der behandelnden Ärztin. Sie berichtet über die Ergebnisse der letzten CT vom Morgen. Als Folge einer Basilaristhrombose, d.h. eines Blutgerinnsels in der arteria basilaris, kam es zu einer fatalen Minderdurchblutung des Hirnstamms, weite Teile des Gehirns sind betroffen. Die Hirnrinde, besonders da, wo das Sehzentrum sich befindet, das Kleinhirn, der Thalamus, Gehirnregionen beidseits des Hirnstamms. Gewissheit: Mein Vater wird nicht mehr sehen, sprechen, schlucken können, die rechte Körperhälfte ist gelähmt, die linke überwiegend auch. Ein Weiterleben wäre ein Leben als Schwerstpflegefall. Wir haben es geahnt, es auszusprechen ist niederschmetternd. Wir erklären einstimmig, dass wir alle Maßnahmen bzw. zu unterlassenden Maßnahmen, die das Leid verringern bzw. unnötiges Leiden ersparen und unseren Vater erlösen würden, begrüßen. Es ist schwer, dabei die Fassung zu wahren, besonders für meine Mutter, die 56 Ehejahre an der Seite meines Vaters verbracht hat.

Im Moment befindet er sich noch in der Aufwachphase eines künstlichen Komas, wobei das Narkosemittel bereits fast ganz abgesetzt ist. Die Ärztin wiederholt, welche Maßnahmen getroffen werden: Die Intubation wird entfernt, da er in der Lage ist, selbständig zu atmen, die Magensonde für die künstliche Ernährung bleibt während der Aufwachphase zunächst noch erhalten. Sollten sich Komplikationen wie ein offensichtlich zu erwartendes Anschwellen von Bereichen des Gehirns einstellen, wird keine lebenserhaltende Operation durchgeführt; auch bei einem Herzinfarkt würden keine Wiederbelebung oder lebenserhaltende Maßnahmen getroffen. Ob er es schafft, ist ungewiss. Das Gespräch heute war gut und wichtig, die Ärztin hat sich viel Zeit gelassen, alle Fragen beantwortet und Verständnis für unsere Entscheidung gezeigt. Wir gehen noch einmal zum Bett meines Vaters, halten seine Hand, streicheln über den Kopf und weinen. Er atmet tief,- so als wenn er uns sagen möchte, dass er noch da ist.

Samstag, 17.02.2018

Plötzlich einsetzender Schneefall bewegt uns, die Fahrt nach Freiburg auf Sonntagmorgen zu verschieben. Über Telefon erfahren wir, dass sich der Zustand meines Vaters nicht verändert hat seit gestern. Meine Mutter zündet den Kamin an und wir essen am Kaminfeuer zusammen mit meinem jüngeren Bruder zu Abend. Es ist friedlich und angenehm warm, während draußen der Schnee sanft fällt und einen weißen Teppich auslegt. Wir sehen uns Fotos in einem alten Fotoalbum der Familie meiner Mutter an. All die lieben Menschen, die dort meist zusammen mit meiner Mutter in ihrer Kindheit abgebildet sind, sind schon gegangen. Wir trinken Wein und meine Mutter erzählt von früher. Es ist ein sanfter Abend.

Wie seit Tagen jede Nacht werde ich spätestens um 05:00 Uhr morgens wach und schreibe diese Zeilen. Trauer überkommt mich über nicht gelebte Leben, unser eigenes und die unserer Ahnen, nicht gelebte, unbewusste Momente der Schuld und Schuldzuweisungen, der Gebote und Verbote, der Urteile und Verurteilungen, in denen wir nicht geliebt haben. Besonders nachts kommt diese Trauer wie die Welle eines Tsunami und legt meinen Brustkörper in Ketten, die sich durch die Tränen nur langsam wieder lösen. Und dann beruhigt es sich ganz langsam mit tiefen Atemzügen wie die sanften Meereswellen nach einem heftigen Sturm. So ermöglicht mir die leidvolle Situation meines Vaters die Trauer zu fühlen, die ich lange gebunkert habe und die auch mein Vater ein Leben lang hinter seinem Schmerz verdrängt hat. Denn Schmerz ist nichts anderes als nicht gefühlte Gefühle. In diesem Moment fühle ich auch Dankbarkeit für meinen Vater, der dies alles auf sich genommen hat, auch für mich, damit ich einen neuen Weg gehen kann.

Sonntag, 18.02.2018

6. Tag auf der Intensivstation der Neurologie. Zustand unverändert. Wir können heute keine Reaktion feststellen. Die Beendigung der Intubation wird wohl mit einem Luftröhrenschnitt unterstützt werden müssen, da mein Vater keine Schluckreflexe zeigt. Seine Atmung und sonstigen Vitalfunktionen sind stabil. Mein Kopf ist leer. Die Gedanken drehen sich im Kreis. Wir wollen, dass das Leiden meines Vaters ein Ende findet, dass er erlöst wird, aber wir können aufgrund der Gesetzeslage nichts tun, außer nichts zu tun und zu hoffen, dass er es nicht schafft. Einem Tier würde man das nicht zumuten, uns Menschen schon. Seine Situation ist total aussichtslos, die bestmögliche Prognose würde bedeuten, dass er als Körper blind, stumm, bewegungsunfähig, unfähig zu schlucken, kognitiv in erheblichem Masse eingeschränkt und mit schwerer kardiovaskulärer, macroangiopathischer, arthrotischer und sklerotischer Grunderkrankung dahin vegetieren muss. An dieser Stelle, die doch eigentlich zentral ist, versagt die Patientenverfügung, versagt unsere Ethik.

Wie will ich den Bewusstseinszustand eines Menschen beurteilen, der keine Reaktionen zeigt, weder sprachlich, optisch, mimisch, körperlich durch Bewegung? Wie können Kognitionsfähigkeit und Emotionsfähigkeit eingeschätzt werden bei weitreichender Schädigung des Thalamus und Regionen beidseits des Hirnstamms?

7. Tag: Ich versuche, mehr über die für den Schmerz relevanten Regionen des Gehirns herauszufinden. Thalamus Schmerz, Nozizeptives System, Amygdala und und und. Viele Teile des Gehirns sind beteiligt und so genau weiß niemand, ob es nun ein Schmerzzentrum oder ähnliches gibt bzw. wo die Schmerzwahrnehmung genau stattfindet. Wie kann ich bei einem Menschen im nonreaktiven Zustand meines Vaters feststellen, ob er leidet? Ich fürchte niemand weiß das. Die Medizin weiß viel und noch viel mehr nicht.

Ich werde dennoch heute nochmal mit einem Arzt sprechen und habe mir einige Fragen zurechtgelegt. Welche Medikamente werden noch verabreicht, welche Koma-Einstufung hat er, wie werden Reflexe durch die Ärzte beurteilt, wie schätzen sie sein Schmerzempfindungsvermögen ein, ist es zumutbar, die künstliche Ernährung abzubrechen, wie ist ihre Prognose und wie beurteilen die Ärzte die Kognitions- und Emotionsfähigkeit meines Vaters, abgesehen von der Schmerzempfindung.

Derweil geht der Alltag für die anderen Menschen weiter: Olympiade, Groko-Debakel, Münchener Sicherheitskonferenz, Schweinepest, Erdogan, Trump, Putin, Flüchtlinge, Bildungsmisere, Digitalisierung. Es passiert so viel und doch auch wieder nichts. Wir wollen doch alle nur leben, lieben, glücklich sein und dann tut die Menschheit alles, um genau das zu verhindern, um dann am Ende zu erkennen, dass es schon vorbei ist und wir nichts erreicht haben. Wir rennen im Hamsterrad bis wir umfallen. Also doch nur fortgepflanzt? Ich befürchte, viele pflanzen sich tatsächlich nur fort, denn alles, was sie im Außen leisten, ist wertlos, sinnlos und umsonst,- wenn es nicht aus Liebe geschieht, sondern aus Mangel an Liebe. Das wird mir immer klarer.

Solange nicht die bedingungslose Liebe und das Mitgefühl zum Maßstab allen Handelns werden, gehen wir einen Schritt vor und die berühmten 2 Schritte zurück. Es geht nicht um die besseren Argumente, basierend auf wertlosem Wissen, es geht um die besseren Motive. Hass, Argwohn oder Liebe. Es wird Zeit, sich gegen alles zu entscheiden, was nicht aus Liebe geschieht bzw. was gegen die Liebe ist.

Mein Vater liegt nun schon seit 6 Tagen in seinem katastrophalen Zustand auf Intensiv und nicht ein einziges Mal sucht ein Arzt, geschweige denn der Oberarzt, ein Gespräch mit uns. Wir haben den Eindruck, fast darum betteln zu müssen. Es scheint niemanden zu interessieren, wie es den Angehörigen in einem solchen Fall geht. Da hilft auch nicht die Chefarzt- und 1. Klasse Versicherung meines Vaters. Ich spüre, wie ein wenig Ärger darüber in mir aufsteigt. In deinen schlimmsten Stunden verkommst du in diesem System zur Patientennummer so und so. Du kannst nur beten, dass, wenn das die Endstation sein sollte, du nichts davon mitbekommst. Wir beten. Nach langem Warten und Nachfragen spricht doch noch eine junge Ärztin mit uns. Mein Vater wird immer noch intubiert. Heute hatte er einige Atemaussetzer, so dass die Maschine übernehmen musste. Dennoch soll morgen die Intubation aufgehoben werden. Wir betonen noch einmal nachdrücklich, dass wir das auch so wünschen.

Auf der Fahrt nach Hause spüre ich, wie meine Mutter kraftlos mit ihrer Fassung kämpft. Die Anspannung der letzten Tage zehren an uns allen. Auf dem Heimweg machen wir noch einen letzten Besuch beim Hausarzt meines Vaters, um ihm von der aktuellen Situation zu berichten. Er kennt die Grunderkrankungen meines Vaters und weiß, dass er keine Chance hat auf ein lebenswertes Weiterleben.

Dienstag, 20.02.2018

8. Tag: Nach dem Frühstück gehe ich mit meiner Mutter spazieren. Wir brauchen dringend frische Luft und Bewegung, nachdem wir nun 6 Tage nur Krankenhausluft ausgesetzt waren. Erinnerungen werden wach, Stationen im Leben unserer Familie, während wir durch das Dorf gehen. Auf dem kleinen Friedhof zünden wir eine Kerze für meine Oma an. Ich bin 53 und die Namen derer, die ich persönlich kannte, mehren sich auf den Gräbern, obwohl ich bereits vor 30 Jahren weggezogen bin.

Am Nachmittag wieder Uniklinik: Die Intubation wurde entfernt, mein Vater atmet mehr oder weniger selbständig unterstützt durch eine Sauerstoff-Atemmaske. Seine Zunge wird durch eine Vorrichtung gestützt, da sie sonst nach hinten fallen würde. Er öffnet ab und zu die Augen und blickt leer, reagiert weiterhin nicht auf Ansprache oder Berührung. Wir bitten um Wohnort-nahe Verlegung von Freiburg nach Lörrach. Die Uniklinik kontaktiert das Kreiskrankenhaus in Lörrach, allerdings ist dort heute noch kein Bett frei auf der neurologischen Intensivstation.

Auf der Rückfahrt beschließen wir, am nächsten Tag früher nach Freiburg zu fahren, weil uns die Warterei bis 15:00 noch mehr zermürbt. Da ich nicht weiß, wie es weitergeht und wie lange das Siechtum meines Vaters andauert, beschließe ich zum Ende der Woche nach Bochum zurückzufahren. Ich bin verärgert über die empathielose und beratungsarme Behandlung in der Uniklinik. Die Ärzte vermeiden jede Ansprache und hinterlassen ein Gefühl des Alleingelassen Werdens mit der aussichtslosen Situation. Die Patienten werden mehr oder weniger abgearbeitet. Mich erinnert das ein wenig an industrielle Prozesse, wo das Produkt durchgeschleust wird, um am Ende an die nächste Station weitergereicht zu werden bis zum endgültigen Bestimmungsort. Hilferufen wird dabei mehr oder weniger verständnislos bzw. achselzuckend seitens des Pflegepersonals begegnet. Das profitorientierte System hinter allem macht mich wütend.
Die meisten Krankenhäuser haben Namen von Heiligen und irgendeinen christlichen Ursprung und sind verkommen zu Wirtschaftsunternehmen. Das ist kein Vorwurf an die Ärzte, die auch Opfer des Systems sind.

Mittwoch, 20.02.2018

Tag 9: 10:30 Uhr. Wieder Fahrt nach Freiburg. Mein Vater wurde in eine Art Stuhl gesetzt. Er atmet angestrengt über die Sauerstoffmaske; der sich ansammelnde Speichel blockiert den Atemfluss, so dass er immer wieder würgt, teilweise aussetzt, um mit einem lauten Räuspern wieder zum erneuten Atmen anzusetzen. So mühsam kann Atmen sein.

Wieder Gespräch mit einer Ärztin. Die 5. in den letzten Tagen. Wir können nicht ein einziges Mal mit einem Arzt sprechen, den wir schon kennen! Wieder sprechen wir über Verlegung. Sie sagt, man würde die jetzige Medikation beibehalten bis nach der Verlegung, um dann zur Palliativmedizinischen Versorgung überzugehen, sprich Absetzung der Antibiose, Blutverdünnung usw. bei Gabe von einem Opioid. Wir sind erleichtert. Die Verlegung soll noch vor dem Wochenende stattfinden.

Rückfahrt. Spaziergang, Abendessen. Wir gehen ermattet zu Bett. Um 02.03 Uhr nachts klingelt das Telefon. Am anderen Ende die Ärztin vom Nachtdienst. Es gab einen Zwischenfall, mein Vater habe sich mehrfach verschluckt, die Atmung habe sich weiter verschlechtert, der Sauerstoff käme nicht mehr richtig an und auch das Absaugen des Speichels gelingt nicht gut. Verdacht auf Lungenentzündung. Nach der Gabe von Morphin habe sich der Atemstrom beruhigt. Die Sauerstoffsättigung läge nun wieder bei 92%. Allerdings musste mein Vater auf ein anderes Zimmer verlegt werden. Außerdem berichtet sie, man habe auf Beschluss der Visite vom Vortag die Antibiose bereits abgesetzt entgegen der Angabe der Ärztin in unserem Gespräch, die erklärte, man würde das nicht vor der Verlegung nach Lörrach tun. Ich merke, dass meine Mutter langsam an ihre Grenzen kommt, psychisch wie körperlich. Wir versuchen noch ein wenig zu schlafen. Die Gedanken kreisen.

Donnerstag, 22.02.2018

Tag 10: Wir warten auf den Anruf aus der Klinik. Nach Übergabe soll uns der übernehmende Arzt anrufen. Ich kann mich an Warten einfach nicht gewöhnen, werde angespannter, versuche mich über tiefes Atmen und Schreiben zu beruhigen. Meine Mutter versucht, sich durch Zeitung lesen abzulenken, seufzt in regelmäßigen Abständen.

Um 08:47 Uhr meldet sich die Ärztin von der Stroke Unit in der 3. Etage der Uniklinik, wohin mein Vater in der Nacht verlegt wurde. Er befindet sich nun in einer palliativen Situation, wie die Ärztin sich jetzt ausdrückt.

Meine Mutter und ich fahren los. Um 10:30 Uhr kommen wir an. Mein Vater, jetzt im Einzelzimmer mit der Nr. 119, bekommt, neben Flüssigkeit, das Opioid MSI in Kombination mit Paspertin, einem Medikament gegen Erbrechen, um Schmerzen weitestgehend auszuschließen. Von Atmen kann nicht mehr die Rede sein. Er röchelt angestrengt. Die Sauerstoffergänzung über die Atemmaske wird immer weiter heruntergefahren. Die Ärztin und der Pfleger informieren uns über die Vorgehensweise nach einem Todeseintritt. Sie glauben, es könnte noch heute soweit sein.

Wir sitzen an seinem Bett, halten seine Hand, sagen ab und zu ein paar Worte, ansonsten Ruhe. Gedankenversunken; wir hören das laute Röcheln in der Stille der 3. Etage, Warten.

Cheyne Stoke Atmung setzt ein. Die Sauerstoffmaske ist jetzt entfernt. Die Atemaussetzer, werden länger. Der Tod naht. Warten. Gegen 15:00 Uhr kommt mein jüngerer Bruder hinzu. Warten. Wir spielen ein Musikstück vor. Dann kommt mein älterer Bruder gegen 16:15 Uhr, er hat doch noch den Zug genommen. Wir warten und wachen zu viert am Bett unseres Vaters, dessen Körper noch schwächer wird. Es ist selten geworden, dass wir alle fünf zusammen waren. Der röchelnde Atem wird flacher, die Atemaussetzer länger, bis zu 20 Sekunden dauern sie an bis der nächste Atemzug einsetzt. Meine Mutter und ich warten nun schon über 6 Stunden am Sterbebett meines Vaters.

Dann stehen wir alle 4 direkt am Bett, meine Mutter streichelt die Stirn unseres Vaters, hält seine Hand, auch wir halten ihn,- der nächste Atemaussetzer, er dauert jetzt noch länger, wir halten ihn und noch einmal setzt der Atem wieder ein. Meine Mutter erschrickt,- und dann setzt der Atem wieder aus. Seine Wangen sind jetzt eingefallen, der Mund geöffnet, er ist ganz blass. Ich fühle seinen Puls. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Todeseintritt: 17:00 Uhr. Der Kampf ist beendet, er hat es geschafft. Stille -, Alle weinen. Erleichterung und Fassungslosigkeit.

Nachtrag:

Die Uniklinik Freiburg stellte bisher für die letzten 9 Lebenstage meines Vaters fast 40.000 Euro in Rechnung, eiskalt! Dabei offenbaren allein die Kosten für 9 Tage teilweise künstliche Beatmung in Höhe von 29.000 Euro und tausende für angebliche Chefarzt-Behandlung, von denen uns keine bekannt ist oder erläutert wurde die ganze Skrupellosigkeit und Entfremdung in der ‚Gesundheitsindustrie‘. Einen Chefarzt oder auch nur Oberarzt haben wir in den 10 Tagen nicht zu Gesicht bekommen.


 

Lothar Obrecht

Heilpraktiker (Psychotherapie)

Bitterskamp 70

44869 Bochum