PSYCHOLOGIE aktuell

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Mitmenschlichkeit: Eine Herzensangelegenheit!

Mitmenschlichkeit: Eine Herzensangelegenheit!

Frau Dr. Maxeiner, Sie sind die Gründerin der Initiative "Was wirklich zählt im Leben", die sich für mehr Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Toleranz und Zivilcourage einsetzt.

Wie ist es in Deutschland um das soziale Engagement bestellt?

Dr. Sandra Maxeiner:

Die offiziellen Statistiken besagen, dass etwa jeder Zehnte in einem Ehrenamt, einer Bürgerinitiative, einem Verein, Verband oder ähnlichem aktiv ist. Das klingt nach sehr viel, doch dieser Eindruck täuscht. Wie ich aus vielen Gesprächen mit Ehrenamtlichen, Vereinen und Stiftungen weiß, gibt es in etlichen Bereichen einen großen Bedarf an ehrenamtlichen HelferInnen, der nicht befriedigt werden kann. Vor allem aber mangelt es häufig an der Mitmenschlichkeit im Alltag. Daher haben wir diese Aktion ins Leben gerufen, um eben diese Mitmenschlichkeit wieder stärker in die Gesellschaft hineinzutragen.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Förderkreis "Was wirklich zählt im Leben"?

Dr. Sandra Maxeiner:           

Wir setzen uns dafür ein, dass sich wieder mehr Menschen sozial engagieren, aktiv Verantwortung übernehmen und hilfsbereiter sind. Im Mittelpunkt stehen all jene, die selbstlos für andere da sind, sich ehrenamtlich engagieren, anderen in Notsituationen geholfen haben und die Zivilcourage zeigten und zeigen. Mit dieser Aktion hoffen und wünschen wir uns von Herzen, dass sich viele von dem, was diese großartigen Menschen Tag für Tag leisten und vollbringen, inspirieren lassen, sodass sie ihrem Herzen folgen, aktiv werden und mithelfen, unsere Welt wieder zu einem lebens- und liebenswerten, einem schöneren und besseren Ort zu machen.

Gab es einen zentralen Auslöser, der dazu führte, dass Sie sich derart engagieren?

Dr. Sandra Maxeiner: 

Es war nicht nur ein einzelner Auslöser, sondern viele verschiedene, die da zusammen kamen. Auf jeden Fall spielt der Tod meines besten Freundes eine Rolle. Er hat mich dazu gebracht vieles zu überdenken, manches in Frage zu stellen, aber auch Neues zuzulassen. Und dabei war es vor allem eines, das mich während seines Sterbens betroffen machte: Dass er allein starb und dass es niemanden in seiner Familie gab, der sich um ihn kümmerte. Nur einer seiner engsten Freunde und ich waren ihm geblieben. Seitdem wünsche ich mir, dass kein Mensch allein sterben muss und dass es stets liebevolle Mitmenschen gibt, die sich um die kümmern, die unserer Hilfe und Zuwendung bedürfen. Seit diesem Ereignis arbeite ich als Hospizhelferin, um meinen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass diese Vision Wirklichkeit wird. Aber es gibt noch etwas, das eine Rolle bei meinem Engagement spielt: Es ist meine soziale Prägung, und eine Erfahrung, die ich durch das Engagement meines Vaters in der DDR gemacht habe, nämlich, dass es Menschen braucht, die mutig und couragiert genug sind und sich – um das Leben anderer Menschen zu retten – über Gesetze und Befehle hinwegsetzen, Menschen, die etwas riskieren und die Zivilcourage zeigen. Mein Vater hatte diesen Mut. Er verweigerte als Grenzsoldat den Schießbefehl und rettete so das Leben von „Republikflüchtigen“. Er selbst verbrachte dafür einige Jahre im Zuchthaus, bereute es jedoch keine Sekunde. Für seine Unerschrockenheit, sein beherztes Handeln und sein zutiefst menschliches Verhalten bewundere ich meinen Vater sehr und er ist ein Vorbild für mich. Und noch ein letztes Ereignis möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen: Es war im Dezember letzten Jahres, als ich durch eine der Haupteinkaufsstraßen von New York ging. Ich bemerkte am Straßenrand einen Bettler – seine Haut war komplett verbrannt, sein Gesicht entstellt, selbst seine Hände waren so verstümmelt, dass er nicht mehr greifen konnte. Niemand nahm von ihm Notiz und es schien mir, als sei den Menschen dort – trotz aller Weltoffenheit und Toleranz – vor allem eines abhanden gekommen zu sein: Das Gefühl für ihre Mitmenschen. All diese Erlebnisse und Erfahrungen haben letztendlich den Anstoss dafür gegeben, dass ich die Aktion „Was wirklich zählt im Leben“ - für mehr Mitmenschlichkeit ins Leben gerufen habe.

Was ist es, das für Sie persönlich wirklich zählt im Leben?

Dr. Sandra Maxeiner:

Für mich zählt, so ehrlich und aufrichtig durchs Leben zu gehen, dass ich jeden Morgen in den Spiegel blicken kann und dass andere Menschen über mich sagen können: „Schön, dass es dich gibt“. Die Ärztin und Ordensfrau Ruth Pfau, die ich sehr bewundere, hat die Frage nach dem, was wirklich zählt im Leben, für sich so beantwortet: Es ist „die Lust am noch nie Dagewesenen, am Ausprobieren von neuen Lebensmöglichkeiten, die Freude am Abenteuer, das glückliche Lächeln eines Patienten.“ Sie blickt auf ein erfülltes Leben zurück, weil sie vor allem eines tat: Sie hat Menschen geholfen, die ihrer Hilfe bedurften. Was wirklich zählt, ist – so denke ich - dass wir unser Glück nicht in äußeren Dingen, eigenen egoistischen Karrierezielen oder dem Streben nach finanzieller Sicherheit suchen, dass wir nicht etwas tun, um etwas bestimmtes zu erreichen, sondern Glück aus uns selbst schöpfen und dass wir versuchen, eine tiefe innere Zufriedenheit zu erreichen. Nach meiner Erfahrung ist das nur möglich, wenn wir etwas für unsere Mitmenschen tun. Denn dadurch bekommen wir viele wundervolle Dinge zurück, die unser Leben bereichern.

Kürzlich haben Sie zu diesem Thema eine Umfrage gemacht. Mit welchem Ergebnis?

Dr. Sandra Maxeiner:

Meine nicht repräsentative Facebook-Umfrage „Was ist es, das wirklich zählt im Leben?“ beantwortete die Mehrzahl der Facebook-NutzerInnen mit Gesundheit, Liebe (jemanden lieben und geliebt werden), Freunde, Glück und Zufriedenheit, Familie, Dankbarkeit, Ehrlichkeit, Kinder, Tiere und Natur, Glaube, Hoffnung, Achtsamkeit, Frieden und Vertrauen. Soweit so gut, doch nicht weiter überraschend.

Gab es etwas, mit dem Sie nicht gerechnet hatten?

Dr. Sandra Maxeiner:

Ja, nämlich dass „Menschlichkeit und Barmherzigkeit“– kurz: Mitmenschlichkeit – unter den Top Ten landete. Allerdings ist es gar nicht so außergewöhnlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn fragt man sich einmal, was nach den Momenten des Glücks, der Freude, der Trauer und des Schmerzes kommt, ist es vor allem eines, das uns unser Leben lang begleitet und unser Leben lebenswert macht: die Hoffnung. Doch Hoffnung allein wäre nichts, gäbe es da nicht noch etwas, das, ganz gleich welcher Schicksalsschlag uns auch ereilen mag, bleibt und was uns menschlich macht: Unsere Liebe, unsere Empathie, unsere Fähigkeit mitzufühlen – kurz unsere Mitmenschlichkeit. Sie hilft uns Schicksalsschläge zu überwinden, nach vorn zu blicken, sie schickt uns Hilfe, wenn wir sie am nötigsten brauchen, sie gibt uns das Gefühl, geliebt und wertgeschätzt zu werden, als der Mensch, der wir sind.

Wer sich umschaut, hat oft das Gefühl, dass es in Zeiten von zunehmendem Egoismus um die Mitmenschlichkeit schlecht bestellt ist.

Wie erklären Sie sich Ihr Umfrageergebnis?

Dr. Sandra Maxeiner:

Die gelebte Mitmenschlichkeit ist, wie schon erwähnt, tatsächlich leider rar geworden, doch gleichermaßen wertvoll, ja, existenziell für uns alle. Ich denke, das ist vielen von uns bewusst, daher räumen wir dem Thema Mitmenschlichkeit – zumindest in der Theorie - einen so hohen Stellenwert ein.

Inzwischen haben Sie einige Interviews mit Prominenten wie Roland Kaiser, Wolfgang Bosbach, Hansi Jochmann oder dem Media Markt-Gründer Walter Gunz geführt.

Was treibt diese Menschen an, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Dr. Sandra Maxeiner:

Walter Gunz hat es sehr schön auf den Punkt gebracht: „Man sollte das Gute nur aus einer tiefen inneren Liebe, aus dem inneren Antrieb heraus tun. Alles andere, alles, was zweckhaft ist, bringt nichts.“ Für die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, ist es ein solches Anliegen.
Ich denke, dass soziales Engagement Prominente geerdeter und, wenn Sie so wollen, ein bisschen normaler macht. Denn gerade als prominente Persönlichkeit läuft man schnell Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren, weil man so oft hofiert und glorifiziert wird, dass man irgendwann glaubt, man sei tatsächlich so wichtig wie der letzte Applaus. Roland Kaiser hat das sehr schön in unserem Gespräch erklärt. Ich denke, soziales Engagement kann Prominenten ein Stück „Normalität“ zurückgeben: Ein Leben jenseits der Bühne und des Rampenlichts und das Gefühl, als Mensch und nicht nur als „Promi“, als „Sänger“, „Schauspieler“ oder auch als „Politiker“ geschätzt und anerkannt zu werden. Ich glaube, dass es dieser natürliche Umgang mit Menschen ist, die der Hilfe bedürfen, der ihren Blick schärft für das, was wirklich zählt im Leben. Soziales Engagement gibt ihrem Leben einen tieferen Sinn und erfüllt sie auch dann, wenn die Scheinwerfer eines Tages nicht mehr auf sie gerichtet sind.

 

Das Interview führte Dr. Michael Gestmann.

Dr. Sandra Maxeiner studierte Betriebswirtschaftslehre und promovierte in Politik- und Sozialwissenschaften. Sie absolvierte Ausbildungen zur Heilpraktikerin für Psychotherapie sowie zum Coach und arbeitete als Dozentin in Berlin. Zudem ist sie als ehrenamtliche Hospizhelferin tätig und hat die Aktion „Was wirklich zählt im Leben“ für mehr Mitmenschlichkeit ins Leben gerufen. Zusammen mit der Diplom-Psychologin Hedda Rühle hat sie die Nachschlagewerke "Dr. Psych's Psychopathologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie" Band 1 und Band 2, erschienen im Jerry Media-Verlag, veröffentlicht. Im Oktober erscheint ihr neues Buch „Dr. Psych’s Ratgeber für Depressionen“. 

 

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