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Hungern bis in den Tod

Hungern bis in den Tod

Anorexia und Bulimia nervosa in der therapeutischen Praxis

Essstörungen zählen heute zu den häufigsten psychischen Erkrankungen der Industriestaaten – und auch zu den tödlichsten. Ungefähr 150 000 bis 200 000 Menschen leiden in Deutschland an der sogenannten Magersucht (Anorexie, griech. = Appetitlosigkeit) – eine erschreckend hohe Zahl.

Anorexia und Bulimia nervosa (ICD-10: F50.0 und F50.2) sind in ihren Ursachen und Auswirkungen sehr komplex, das herausstechende Merkmal ist jedoch die massive Störung des eigenen Körperbildes. Dadurch kommt es zu einer fast schon obsessiven Konzentration der Betroffenen auf die Reduzierung ihres Körpergewichts, verbunden mit einer panischen Angst vor dem Dickwerden (phobisch strukturiert).

Anorexie-Kranke sind zu ca. 90% junge Frauen wobei der erste Erkrankungsgipfel bei 14 Jahren liegt. Aber auch schon Kinder im vorpubertären Alter sind betroffen und zu einem wachsenden Anteil junge Männer. Es gibt Hinweise auf eine erhöhte Prävalenz in den mittleren bzw. oberen sozialen, leistungsorientierten Schichten und unter Tänzerinnen, Models, Sportlern und anderen Gruppen, die einem erhöhten gesellschaftlichen Schlankheitsdruck unterliegen. Auch eine perfektionistische Persönlichkeitsstruktur scheint eine wichtige Rolle zu spielen.

Während bei der Anorexie oftmals ein extremes Untergewicht durch massives Hungern erreicht wird, ist die Bulimie gekennzeichnet durch einen machtvollen, unbeherrschbaren Drang zu übermäßigem Essen, der sich in rauschartigen Essattacken entlädt. Durch das anschließende, selbstinduzierte Erbrechen wird der dickmachende Effekt dieser Attacken vermieden. Unterstützt wird dies oftmals noch durch den Missbrauch von Laxantien und Diuretika sowie durch motorische Hyperaktivität in Form von exzessiver sportlicher Betätigung.

Folgende Symptome sind kennzeichnend:

  • Untergewicht bis zur Kachexie wobei ein BMI (Body-Mass-Index) von unter 17,5 als pathologisch angesehen wird.
  • Amenorrhö: Sie ist als physiologische Reaktion einer Störung des Zusammenspiels von Hypothalamus, Hypophyse und Gonaden zu sehen.
  • Chronische Obstipation: als Folge der reduzierten und meist sehr einseitigen Nahrungsaufnahme.
  • Vitamin- und Mineralstoffmangel: durch einseitige und mangelhafte Ernährung sowie durch wiederholtes Erbrechen.
  • Osteoporose: hervorgerufen durch unzureichende Vitamin- und Mineralstoffzufuhr und durch Störungen des Hormonhaushaltes.
  • Herz-Kreislaufstörungen: Herzrhythmus-Anomalien und Hypotonie durch Kalium- und Magnesiummangel aber auch psychovegetativ bedingt.
  • Karies: Aufweichen des Zahnschmelzes durch Magensäure.
  • Depressive Verstimmungen bis hin zu Suizidalität: bei ca. 50% der PatientInnen wird eine Depression mit ausgeprägtem Rückzugsverhalten bzw. Kontaktarmut bis hin zur sozialen Isolation festgestellt.
  • Körperschemastörung: Massive Störung der eigenen Körperwahrnehmung im Sinne einer Überschätzung des Eigengewichtes und des Körperfettanteiles. Körperteile wie z.B. der Bauch oder die Oberschenkel werden als besonders problematisch und hässlich erlebt.
  • Verleugnung der Krankheit: Die PatientInnen verteidigen vehement ihren kachektischen Zustand und lehnen Kritik hinsichtlich ihres Verhaltens kategorisch ab. Stark vermindertes Selbstwertgefühl und Vermeidung sozialer Kontakte.

Verlauf und Dauer der Krankheit sind schwer vorhersehbar. Etwas mehr als die Hälfte der Anorexie-Erkrankten schaffen es im Laufe der Zeit zu einem (fast) normalen Essverhalten zurückzufinden, aber es gibt auch eine Tendenz zur Chronifizierung mit langjährigen Krankheitsverläufen von 25 Jahren und mehr.
Bei Bulimie-PatientInnen liegt die Chance auf dauerhafte Heilung noch etwas niedriger. Der Anteil dieser Gruppe wird in Deutschland auf ca. 600 000 geschätzt, wobei mit einer sehr hohen Dunkelziffer zu rechnen ist.

Leider kommt es bei 18-20% der Magersüchtigen aufgrund der körperlichen und seelischen Folgen zum Tod.

Die Störung beginnt in den meisten Fällen in der Pubertät, manchmal hervorgerufen durch ganz banale Bemerkungen von Außenstehenden über den sich entwickelnden rundlichen Körper.

Zusätzlich suggerieren die Model-Casting-Shows im Fernsehen ein falsches Körperbild und tragen ihren Teil dazu bei. Auch sexueller Missbrauch und ein dadurch erlittenes Trauma kann ein Auslöser der Magersucht sein.
Weiterhin spielt die Ablehnung der Sexualität und des Erwachsenwerdens eine wichtige Rolle sowie die innere Abgrenzung von der Mutterfigur. Durch die Abwehr der Nahrungsaufnahme soll eine Autonomie erreicht werden, verbunden mit einem Streben nach Selbstkontrolle.
Meist wird eine zu starke Reglementierung durch die Eltern bzw. das Umfeld erlebt. Auffallend ist die Leistungsorientiertheit im familiären Umfeld und der damit verbundene psychische Druck.

Ausschlaggebend scheint auch das extreme Harmoniestreben in vielen der betroffenen Familien zu sein, wobei Konflikte nicht offen angesprochen, sondern mithilfe einer subtilen „psychologischen Kriegsführung“ scheinbar gelöst werden.

Die Kontrolle über das eigene Essverhalten bedeutet dann für die Jugendlichen eine Art Machtpotential: Macht über den eigenen Körper und damit auch gegenüber den Eltern.
Letztendlich existiert jedoch ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Zuwendung und Geborgenheit.

Hier sollte der therapeutische Prozess ansetzen. Die Miteinbeziehung der Familie bzw. der Eltern, sofern möglich, ist dabei überaus wichtig.

Die Grundlage der therapeutischen Arbeit bildet allerdings die Krankheitseinsicht der PatientIn und die Bereitschaft mitzuarbeiten. Bei schweren Fällen empfiehlt sich eine ambulante Therapie erst nach einer primär stationären Behandlung, sodass ein vertretbares Ausgangsgewicht vorliegt.

Das Ziel der Therapie sollte klar formuliert sein. Grundlegende Faktoren im therapeutischen Prozess sind die Stärkung des Selbstbewusstseins sowie die verhaltenstherapeutische Arbeit an einer vernünftigen Nahrungszufuhr in einem vorgegebenen Rhythmus aufgrund eines gemeinsam ausgehandelten Vertrages.

Da die Krankheit einen hohen phobischen Anteil hat, ist es wichtig den angstauslösenden Reiz – sprich die Nahrungsaufnahme, in die Therapie mit einzubeziehen.

Gleichzeitig ist eine Bearbeitung der innerseelischen und familiären Konflikte notwendig. Gute Erfahrung habe ich mit hypnotherapeutischen Interventionen gemacht. Zum einen wird durch Hypnose die körperliche und geistige Entspannung gefördert und zum anderen können Ressourcen aktiviert und mit deren Hilfe Lösungsprozesse in Gang gesetzt werden.

Zusätzlich empfiehlt sich, nach einer ausführlichen Repertorisation, die Anwendung von homöopathischen Mitteln wie z.B. Natrium Muraticum (Festhalten an Verletzungen, Verzicht auf Genuss, grübeln, Abmagerung trotz Appetits...).

Ebenso bietet die Phytotherapie Heilmittel zur Unterstützung wie u.a. Wermut (Verdauungsbeschwerden, Depression, Appetitlosigkeit).

Weiterhin kann das Tausendgüldenkraut ein Phytotherapeutikum der Wahl sein (beruhigend, stärkend, verdauungsfördernd.

Grundsätzlich ist eine intensive Betreuung mit viel Zuwendung und Geduld erforderlich um die betroffenen Patienten langsam wieder zurück zu einem gesunden und angemessenen Essverhalten und damit zu einer erhöhten Lebensqualität zu führen. Als TherapeutIn sollte man sich im klaren darüber sein, dass der therapeutische Prozess ein oft steiniger, langwieriger Weg werden kann.

Fazit: Die Anorexia nervosa ist eine schwere psychische Störung mit leider sehr hoher Todesrate.

Sie ist in der naturheilkundlichen bzw. psychotherapeutischen Praxis mit viel Geduld und Zuwendung behandelbar, erfordert aber eine intensive und achtsame Mitarbeit des Umfeldes.
Ein hilfreiches Instrument im therapeutischen Prozess bietet die Hypnotherapie nach Milton Erickson.

Wie bei der Bulimia nervosa sind die Schwerpunkte in der Therapie die Stärkung des Selbstbewusstseins sowie die Bearbeitung der phobisch strukturierten Angst vor dem Dickwerden und damit die Hinführung zu einem angemessenem Essverhalten.

 

 

Martina Riepold (Heilpraktikerin, Pädagogin, Hypnotherapeutin)
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